Wenn das Notfall-Handy klingelt

Sterbebegleitung kennt keine Sonn- und Feiertage. Siegfried Schirmer, Geschäftsführer des Hospizvereins, lernte die Praxis kennen. Ehrenamtliche reagierten prompt und professionell

Gewisse Dinge brauchen Zeit, bis man darüber reden kann. Wer spricht schon gerne über Tod, Trauer, Leid und gesteht seine Hilflosigkeit? Und so datiert der Beginn dieser Geschichte auf den Pfingstsonntag 2006.

Siegfried Schirmer (62), seit sechs Jahren ehrenamtlicher Geschäftsführer des Hospizvereins, hat zum ersten Mal Dienst am sogenannten „Notfall-Handy“. Gesine Maurer, die hauptamtliche Koordinatorin, und vier ehrenamtliche Kräfte, die sonst den Notdienst organisieren, haben eine Auszeit genommen. „Ich habe damals insgeheim gehofft, dass das Handy nicht klingelt“, gesteht Siegfried Schirmer. Doch es kam anders.

Um 20.15 Uhr ruft Günter Falkowski (70) aus Dortmund an. Mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Alfred, der allein in Günnigfeld lebt und bereits vor einigen Jahren schwer an Krebs erkrankt ist, geht´s offensichtlich zu Ende. Seine Angehörigen und einige befreundete Nachbarn, die einen Tag- und Nachtdienst für den inzwischen fast völlig hilflosen Mann organisiert hatten, sind selbst am Ende ihrer Kräfte. Günter Falkowski: „Wir wussten einfach nicht mehr weiter. Das Schlimmste für mich persönlich war, dass mein Bruder offensichtlich nicht in der Lage schien, seine Situation einzuschätzen. Ich war nicht fähig, ihm zu sagen, dass seine Uhr abläuft. Er hing trotz des langen Leidens am Leben.“

Siegfried Schirmer sagt Günter Falkowski, er werde sich um das Anliegen kümmern, versprechen mag er dem verzweifelten Anrufer aber nichts – es ist Feiertag. Der Geschäftsführer des Hospizvereins bittet seine Frau Jutta, die Seelsorgerin ist und den Trauertreffpunkt an der Stresemannstraße leitet, um Hilfe. Gemeinsam stellen sie eine Liste von Ehrenamtlichen auf, die man möglicherweise mobilisieren kann. Siegfried Schirmer erinnert sich. „Ich habe genau fünf Anrufe getätigt, und bereits um 21 Uhr konnten wir mit der Betreuung und Begleitung von Alfred Falkowski beginnen. Ich war tief berührt, wie schnell und selbstlos unsere Ehrenamtlichen an einem Sonntagabend zu Nachteinsätzen bereit waren.“ Günter Falkowski fiel ein Stein vom Herzen: „Ich hätte so etwas nicht für möglich gehalten, ich empfand damals einfach nur tiefe Dankbarkeit und Hochachtung.“

Nach dem Pfingstfest organisiert dann Gesine Maurer die Begleitung des Schwerkranken. Und sie spricht ihn ganz offen auf seine Situation an. Günter Falkowski: „Ich war heilfroh und erleichtert, dass es endlich heraus war, auch wenn mein Bruder ziemlich barsch darauf reagierte und sagte ,So schnell gebe ich den Löffel nicht ab´.“

In den folgenden Tagen wird Alfred Falkowski immer stiller. „Er konnte kaum noch reden, aber an seiner Mimik und Gestik war zu erkennen, wie wohltuend er die menschliche Zuwendung der Hospiz-Mitarbeiter empfunden hat, wie dankbar er auch dafür war“, schildert Günter Falkowski. Am 12. Juni 2006 stirbt Alfred Falkowski. Sein Bruder sagt: „Die liebevolle Begleitung war nicht nur für ihn, sondern auch für mich eine seelische Erlösung. Ich bin froh, dass ich auf diese Art und Weise von ihm Abschied nehmen konnte. Deswegen kann ich heute auch mit meiner Trauer ganz gut umgehen.“

Siegfried Schirmer ist froh, solche Sätze zu hören. „Schließlich ist es unser Ziel, nicht nur Sterbende zu begleiten, sondern auch ihre Angehörigen zu entlasten.“

Info: Tel: 0234/941 30 70
„Ich empfand damals einfach nur tiefe Dankbarkeit und Hochachtung.“

Ferdi Dick